Mai 2018

Lieber Theaterbesucher!

eine orientalische Geschichte zum Thema Kommunikation:

Es war einmal eine Stadt, die aus zwei parallel laufenden Straßen bestand. Ein Derwisch ging von der einen Straße in die andere hinüber, und als er dort ankam, sahen die Leute, dass er Ströme von Tränen vergoss. Da rief einer: „In der anderen Straße muss einer gestorben sein.“ Und sogleich hatten alle Kinder ringsum den Ruf aufgenommen. Was aber hatte sich tatsächlich ereignet? Der Derwisch hatte Zwiebeln geschält. Kurze Zeit danach hatte das Geschrei auch die erste Straße erreicht, und die Erwachsenen beider Straßen waren so betrübt und bange, dass sie nicht nachzufragen wagten, was die Ursache für all die Aufregung sei. Ein weiser Mann versuchte, den Leuten der beiden Straßen vernünftig zuzureden, und er fragte: „Warum sprecht ihr denn nicht miteinander?“ Sie aber waren so verwirrt, dass sie selber nicht mehr wussten, was sie sagten, und einige meinten: „Nach allem, was wir wissen, ist in der anderen Straße eine furchtbare Seuche ausgebrochen.“ Auch dieses Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, bis schließlich sowohl das Volk der einen als auch der anderen Straße von dem anderen meinte, es sei dem Verderben, ja sogar dem Untergang geweiht. Nachdem Ruhe und Ordnung einigermaßen wiederhergestellt waren, entschlossen sich die beiden Völker auszuwandern, um sich zu retten. So geschah es, dass beide Seiten der Stadt vollkommen geräumt wurden. Heute, Jahrhunderte später, ist die Stadt noch immer verlassen; und nicht weit davon entfernt stehen zwei Dörfer. Jedes hat seine eigene Überlieferung, die davon berichtet, wie es geschah, dass sie in ferner Zeit dank einer glücklichen Flucht aus einer durch namenloses Unheil dem Untergang geweihten Stadt entkamen und sich neu ansiedelten.
„So entstand eine Tradition“ ist eine Geschichte über die Subjektivität des menschlichen Verstandes. Sie stammt aus dem Lehrbuch Asrar-i-Khilwatia (Geheimnisse des Alleinseins) des sufischen Sheikh Qualandar Shah des Suhrawardi Ordens. Sein Schrein befindet sich in Lahore in Pakistan.

In unserem Spielplan finden Sie viel Traditionelles, das wir immer wieder gerne in Variationen neu verbreiten. Der Mai wird bald kommen – wir freuen uns, wenn wir Sie mit unserem Angebot aus dem Haus locken können.

Mit freundlichen Grüßen
Norbert Eilts

Empfehlung:

Samstag, 19.05.2018, 20.00 Uhr
* 20.05.1921 Wolfgang Borchert
Männerprobleme
Vier Männer und keine Klarheit
- Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels (Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert)
- Schnee (Monolog von Hans Rasch)
- Die Zahlen und die Liebe (Kurzgeschichte von Marianello Marianelli)
- Der König (Monolog von Hans Rasch)
mit Norbert Eilts

Der aktuelle Spielplan steht für Sie unter www.wortkino.de für Sie bereit.

Wortkino/Dein Theater unterwegs:

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